Dr. Justus Carl Lion (1829-1901)
Bremerhavener „Turnvater“ und Sächsischer Turninspektor


(13.3.1829 in Göttingen– 30.5.1901 in Leipzig)
Als sich der 29 jährige Justus Carl Lion im Jahre 1858 um eine Stelle als Lehrer mit den Fächern Mathematik und Turnen in der jungen aufstrebenden Hafenstadt Bremerhaven bewarb, hatte er bereits einen abwechslungsreichen Lebenslauf hinter sich.
Schon als Schüler hatte der am 13. März 1829 in Göttingen Geborene in seiner Heimatstadt begeistert an den Turnnachmittagen der studentischen Burschenschaften teilgenommen und im Alter von sechzehn Jahren an seiner Schule einen Turnverein gegründet. Weil das Turnen aber im Revolutionsjahr 1848 an seiner Anstalt verboten wurde, verließ er kurz vor dem Abitur freiwillig das Gymnasium. Als er sich wieder zum Examen anmelden wollte, wurde er abgewiesen. Aber in Hannover konnte Lion dann 1849 ein externes Abitur ablegen und anschließend in Göttingern Mathematik studieren. Mit großer Genugtuung erfüllte ihn das Angebot, an seinem alten Gymnasium, welches ihn noch vor wenigen Jahren nicht zum Examen zugelassen hatte, den Turnunterricht zu übernehmen. 1851 bewarb er sich beim Allgemeinen Turnverein zu Leipzig von 1845 (ATV) als Erster Turnlehrer, wurde aber knapp mit 11:12 Stimmen abgelehnt. Doch mit einem seiner dortigen Befürworter verband ihn von da an eine lebenslange Freundschaft, die für Lion noch von großer Bedeutung werden sollte.
Die nächsten Jahre verbrachte Lion als Schulamtskandidat in Hildesheim, als Hauslehrer in mehreren Stellungen und als Lehrer in Groß-Gerau , bevor er im Februar 1858 eine Stelle an der neugegründeten Bürgerschule in Bremerhaven, einer Realschule, annahm. Träger dieser im April 1858 eröffneten Schule war die Vereinigte Evangelische Kirchengemeinde, die als Schulhaus ein Gebäude anmietete, das ursprünglich als Gasthaus vorgesehen war.

(Der Stempel der Bürgerschule)
[Es lag an der Ecke Keil- und Grüne Straße (seit 1939 Grazer Straße), schräg gegenüber der heutigen Edith-Stein-Schule. Seine Wohnung nahm Lion ganz in der Nähe in der Keilstr. 5. Lion gehörte somit zu den vier ersten Lehrkräften der neuen Einrichtung, die für die Unterweserorte erstmalig ein Angebot höherer Schulbildung eröffnete.
Zunächst als Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften angestellt, bot sich Lion sogleich die Möglichkeit, seinen turnerischen Neigungen nachzugehen, wobei zu vermuten ist, dass er selbst hierzu die Initiative ergriff. Nachdem der Kirchenausschuss im Dezember 1858 die Aufnahme des Turnunterrichts in den Lehrplan beschlossen hatte, wurden die Eltern zu Ostern 1859 durch Handzettel davon unterrichtet. Zunächst nur im Sommerhalbjahr wurde der Turnunterricht zweimal wöchentlich abends von 6-7, bzw. 7-8 Uhr als freiwillige Arbeitsgemeinschaft angeboten. Die Teilnahme kostete 1 Taler Courant 97. Von insgesamt 127 Schülern nahmen die Gelegenheit war, sich auf dem Turnplatz vor der Realschule zu tummeln. Die Gründe, die die übrigen Schüler von einer Teilnahme abhielten, lagen vor allem in der zu großen Entfernung der Wohnungen in Lehe oder Geestemünde zum Turnplatz, da sich das Turnen ja nicht zeitlich an den Unterricht anschloss. Turnen für Mädchen wurde im bremischen Bremerhaven noch nicht angeboten. Nur an einer Privatschule im hannoverschen Geestemünde konnte Lion seine neuartigen Ideen dem weiblichen Geschlecht, unter lebhafter Zustimmung der Eltern, vermitteln.

Wie war es um die Ausstattung des Turnplatzes mit Gerätschaften bestellt? Eine Aufstellung Lions aus dem Jahr 1859 spricht von zwei im Freien stehenden Recks mit je einer eisernen und einer hölzernen Stange und von zwei Barren. In einem Verschlag lagerten ein Schwingel (Turnpferd), acht Eisenstangen zu einer Schaukel, ein großes und ein kleines Sprungbrett, sechs Springstangen von 8-10 Fuß Länge, zwei Sprungschnüre von etwa 50 Fuß Länge sowie ein Lederball, 8 Zoll im Durchmesser. Die meisten Geräte konnten vielseitig verwendet werden.

(Das Briefpapier Lions)
[Zur Organisation des Unterrichts schreibt Lion in seinem Bericht des Schuljahres 1859: „Sämmtliche 97 Turner wurden in üblicher Weise in 7 kleine Abtheilungen von 10 bis 14 Schülern eingetheilt, so zwar, dass dabei zunächst das Alter, die Neigung der Einzelnen und die Turnzeit maßgeblich war. Bei Führung dieser Riegen gingen einzelne Schüler mir bald als Vorturner zur Hand. ... Übrigens war ich bemüht, die Entscheidungen der Vorturner aufs genaueste zu leiten und möglichst viel selbst zu tun. Insbesondere wurden ihnen die Übungen durch vor jeder Stunde ausgegebene Übungszettel sorgfältig vorgezeichnet. ... Eine Arbeit ist das Turnen für die Schüler gewesen, die sie auch wohl einmal tüchtig angestrengt hat; und sie soll es, wie jeder andere Unterricht, bleiben, aber als eine Last, welche sie drückte, empfanden die Schüler es nicht. Auch benutzten sie oft und gern die ihnen wohl gebotene Gelegenheit, außer der festgesetzten Zeit unter Aufsicht zu turnen. .... Darum mochte denn auch in den am Schluß des Sommers ausgestellten Zeugnissen als Ausdruck der Zufriedenheit des Lehrers durchschnittlich das mittlere Prädikat: genügend auftreten. und gebe ich mich der gewissen Hoffnung hin, dass dasselbe im nächsten Jahr sich verbessern wird, da im Allgemeinen sich die Kraft der Gewöhnung bei den hiesigen Turnschülern stärker zeigt, als der Antrieb eines plötzlich erwachenden Eifers und der Reiz der Neuheit.“
Doch nicht nur die männliche Jugend Bremerhavens zeigte sich zu den Pflichtzeiten oder den freien Übungsstunden auf dem Turnplatz, sondern auch junge Männer waren angetan von diesen kraftvollen Geräteübungen und ließen sich zum Mitmachen inspirieren. Von diesem freien Üben bis zur Gründung des ersten Turnvereins an der Unterweser war es nur noch ein kleiner Schritt.

(Das Logo der TVB)
[Auf einer Deichwanderung am 15. Juni 1859 unterbreitete Lion seinen Weggefährten seine Idee, und bereits am 20. Juli fand die Gründungsversammlung statt. 64 Männer erklärten sofort ihren Beitritt zum „Turnverein Bremerhaven“. Justus Carl Lion „ein Turner von Gottes Gnaden, mit scharfem Verstand begabt“, wie ein damaliger Mitstreiter schreibt, wurde natürlich zum Vorsitzenden gewählt. Er war die Seele des Vereins – des ersten Turnvereins an der Unterweser – und leitete auch die Turnstunden auf einem Turnplatz zwischen Geeste und Deich in Höhe der heutigen Goetheschule.
Über Lions Äußeres schrieb einer seiner Schüler, „dass er von mittelgroßer, schlanker Figur war, gewandt, rasch in seinen Bewegungen, sehnig und mager, ziemlich barhäuptig mit hellblonden Haaren, die in langen Strähnen den Kopf an der Seite bedeckten, mit rotem Bart, kurzsichtig, daher stets eine Brille tragend.“
Schon bald verbreiterte Lion seine Aktivitäten über Bremerhaven hinaus. Während eines Turnfestes in Brake im August 1861, an dem die meisten Vereine der Weser-Ems-Region teilnahmen, konnte der inzwischen promovierte Dr. Lion deren Vertreter von der Gründung eines Gauturnverbandes überzeugen. Diese, bald Weser-Ems-Gau genannte Vereinigung, war der Vorgänger des späteren „Kreis V“ der Deutschen Turnerschaft. Auch die Gründung des Allgemeinen Bremer TV (heute Bremen 1860) und des Vegesacker TV (1861) soll auf Lions Anregung zurückgehen.

(13.3.1829 in Göttingen– 30.5.1901 in Leipzig)
Inzwischen hatte sich Lion auch überregional einen guten Ruf erworben. Erinnern wir uns an Lions abgelehnte Bewerbung in Leipzig aus dem Jahr 1851. 1862 boten der ATV zu Leipzig und der dortige Stadtrat selbst dem ausgebildeten Pädagogen und Sportpraktiker Lion an, in die sächsische Metropole zu wechseln und die Leitung des städtischen Turnunterrichts und die Ausbildung von Turnpädagogen zu übernehmen.. Bislang war der Turnunterricht an den Leipziger Knabenschulen in Eigenregie des ATV auf seinem vereinseigenen Turnplatz durchgeführt worden – ohne Zuständigkeit eines entsprechenden städtischen Gremiums. Lion sollte gleichzeitig auch die Verbindung zwischen den Schulen und dem Verein herstellen. Der ATV seinerseits wollte Lion zusätzlich als Technischen Leiter des Turnbetriebs und als Ausbilder der freiwilligen Vorturner einsetzen und dafür einen gewissen Teil des Gehalts übernehmen. Dieses verlockende Angebot wollte sich Lion nicht entgehen lassen, und so schrieb er am 14. Juni 1862 an die „verehrliche Schulcommission“ zu Bremerhaven – die Schulhoheit war ab dem 1. Januar 1862 von der Kirchengemeinde auf die Stadtgemeinde übergegangen: „Der Unterzeichnete ist von Seiten des Leipziger Stadtraths als Director des städtischen Schulturnens berufen und beabsichtigt, diesem Rufe zu Michaelis dieses Jahres Folge zu leisten. Mit der Anzeige hiervon verbindet er das Gesuch, eine verehrliche Schulcommission wolle zur gedachten Zeit ihm die Entlassung aus seiner Stellung als Lehrer der Mathematik an der hiesigen Bürgerschule vermitteln.“ Am 30. September 1862 wurde Lion von Schulvorsteher Dr. Hildebrand verabschiedet.
In Leipzig ruhte Lions Arbeit von nun an auf zwei Schultern. Zunächst war es seine Aufgabe, das Schulturnen zu reformieren. Und hinsichtlich der Organisationsformen und Lehrmethoden ging er in ähnlicher Weise vor, wie er es 1859 bereits in Bremerhaven getan und in seinem Jahresbericht vermerkt hatte. Und ab 1865 konnten endlich auch die Mädchen am Schulturnen teilnehmen. Lions Erfolge in Leipzig machten ihn im gesamten Königreich bekannt und so nimmt es nicht wunder, dass er bald Turninspektor Sächsischer Lehrerseminare wurde und als Königlicher Kommissarius für die Abnahme der Turnlehrerprüfungen verantwortlich war.
Neben dieser hauptberuflichen Tätigkeit widmete sich Lion genau so engagiert den Aufgaben im ATV zu Leipzig und in der Deutschen Turnerschaft. Im Verein sorgte er für die Aus- und Weiterbildung der Vorturner und gab ihnen Anleitungen für den Turnbetrieb an die Hand. Lion, gleichwohl mit der Praxis und den theoretischen Grundlagen des Turnens und all seinen Organisationsformen vertraut, verfasste grundlegende wissenschaftliche Werke über die verschiedensten Themenbereiche des Turnens. Er schrieb einen „Leitfaden für den Betrieb der Ordnungsübungen“, der in sieben Auflagen erschien, oder „Die Turnübungen des gemischten Sprunges“.

(Strassenschild in Leipzig)
Aber auch zu den Turndisziplinen Fechten, Ringen oder Schwimmen meldete er sich zu Wort. Große Anerkennung fand Lion mit seinen „Werkzeichnungen von Turngeräten für Turnanstalten jeder Art“, die ab 1862 von der Deutschen Turnerschaft als Grundlage für die Anschaffung von Turngeräten benutzt wurden. Von 1866 bis 1875 gab er auch die „Deutsche Turnzeitung“ heraus.

Für das 1863 in Leipzig stattfindende Deutsche Turnfest – Lion war gerade ein halbes Jahr dort zu Hause – arbeitete er eine Konzeption für eine Massenvorführung von Freiübungen für 7.000 Turner aus und leitete sie auch.
Viele Ehrungen wurden Justus Carl Lion zu Teil; u.a. wurde ihm der Professorentitel verliehen. Nach sechsjährigem Vereinsvorsitz beim ATV zu Leipzig wurde Lion 1898 Ehrenvorsitzender. Als er am 30. Mai 1901 starb, wurde er auf dem dortigen Neuen Johannisfriedhof beigesetzt. Als diese Begräbnisstätte aufgelöst wurde, verschwanden bedauerlicherweise auch Lions Grab und Grabstein. So bleiben als äußere Zeichen der Erinnerung an Lion, der unverheiratet blieb, zwei Straßenbenennungen in Leipzig (1905) und Bremerhaven (1961) und das Justus-Carl-Lion-Zimmer in der OSC-Geschäftsstelle, allerdings auch seine vielen Veröffentlichungen, die das Deutsche Turnen auf ein festes und breites Fundament stellten.

(Strassenschild in Bremerhaven)
In Bezug auf Bremerhaven ist Lions bleibendes Verdienst, das Schulturnen eingeführt und den ersten Turnverein an der Unterweser gegründet zu haben, der bis heute fortlebt, denn der TV Bremerhaven ging 1919 im ATS Bremerhaven auf, der 1972 zu den Gründungsmitgliedern des OSC Bremerhaven gehörte.

Klaus Zisenis

Literaturhinweise:
Otto Legel: Geschichte des Turnvereins Bremerhaven,Bremerhaven 1909;
Bernhard Thiele: Der Bremerhavener „Turnvater“, in: 100 Jahre Leibesübungen 1859-1959 in Bremerhaven, Hrsg. Kreissportbund Bremerhaven, Bremerhaven 1959, S. 31-33;
Herbert Körtge: Das Schulwesen in Alt-Bremerhaven, Bremerhaven 1999;
Ingeborg Zeidler: Die Turnkunst ist die Poesie des Leibes, Justus Carl Lion, in: Festschrift 150 Jahre ATV zu Leipzig, Hrsg. ATV zu Leipzig v. 1845, Leipzig 1996, S. 41-45;
Klaus Zisenis: Lion, Justus Carl, in: Hartmut Bickelmann (Hrsg.): Bremerhavener Persönlichkeiten aus vier Jahrhunderten(Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bremerhaven, Bd. 16), Bremerhaven 2. Auf. 2003, S. 195-196 (dort weitere Literaturhinweise).
Quellen:
Archiv des Olympischen Sport Clubs Bremerhaven von 1972 e. V.(OSC);
Stadtarchiv Bremerhaven: Personalakte Lion, Protokollbuch der Bürgerschule 1858-1868.

Archiv des Friedrich-Ludwig-Jahn Museums Freyburg/Unstrut
 
zur Startseite | eMail
desinet - Community | OSC Bremerhaven e.V. | Bremerhaven, 12.12.2017 17:08